2026-08-31 · javascript · svelte · ki-geschichte
ELIZA im Terminal: das erste Chat-Programm, 60 Jahre später
Joseph Weizenbaums ELIZA von 1966 als deutscher Nachbau in JavaScript. Läuft komplett im Browser und zeigt, wie wenig Regelwerk für den Eindruck eines Gesprächs reicht.
Sechzig Jahre bevor Sprachmodelle ganze Codebasen lesen, führte ein Programm mit ein paar Dutzend Regeln die ersten Gespräche mit Menschen. ELIZA, 1966 von Joseph Weizenbaum am MIT veröffentlicht, gab die Gesprächstechnik eines Psychotherapeuten wieder: Sie spiegelte Aussagen als Fragen zurück. Hier läuft sie, auf Deutsch nachgebaut, direkt in diesem Beitrag.
ELIZA> Hallo. Ich bin ELIZA, Baujahr 1966. Erzähl mir, was dich beschäftigt.
Läuft vollständig in deinem Browser. Nichts wird gesendet, nichts gespeichert.
Falls sie stumm bleibt: Die Demo braucht JavaScript. Es gibt keinen Server dahinter, der einspringen könnte, und genau das ist der Punkt.
Wie wenig dahintersteckt
Der Nachbau folgt dem Original-Prinzip aus Weizenbaums Aufsatz von 1966, ohne Sprachmodell und ohne Netzwerk:
- Schlüsselworte mit Rang. Die Eingabe wird gegen rund 25 Muster geprüft, das ranghöchste gewinnt. „Ich fühle mich” schlägt „warum”, „warum” schlägt die Ausweich-Floskel.
- Zerlegung und Spiegelung. Aus „Ich kann nicht schlafen” wird der Rest „schlafen” herausgeschnitten und in eine Antwortschablone gesetzt: „Woher weißt du, dass du schlafen nicht kannst?” Pronomen werden dabei gedreht, aus „mein” wird „dein”, aus „ich bin” wird „du bist”.
- Eine Erinnerungs-Queue. Sätze mit „mein” merkt sich das Programm und holt sie später hervor: „Vorhin sprachst du von deinem Projekt. Hat das damit zu tun?” Im Original war das der verblüffendste Trick.
- Floskeln als Fallback. Passt nichts, kommt „Erzähl mir mehr.”
Das ist alles. Rund 200 Zeilen TypeScript, davon die Hälfte Antwortsätze.
Der ELIZA-Effekt

Weizenbaum erschrak über seine eigene Schöpfung. Seine Sekretärin, die wusste, wie das Programm funktionierte, bat ihn, den Raum zu verlassen, um ungestört mit ELIZA zu sprechen. Menschen schreiben einer Maschine Verständnis zu, sobald sie sprachlich reagiert. Dieser Befund heißt heute ELIZA-Effekt, und Weizenbaum wurde darüber vom Pionier zum Kritiker: Sein Buch „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft” von 1976 ist eine einzige Warnung davor, Maschinen Urteile zu überlassen.
Der Abstand zu heutigen Sprachmodellen ist technisch riesig: ELIZA versteht nichts, gewichtet nichts, lernt nichts. Sie sucht Muster und füllt Schablonen. Der Abstand in der Wirkung ist kleiner, als man denkt. Wer der Demo oben drei Sätze geschrieben hat, hat vermutlich kurz vergessen, dass 25 Regeln antworten.
Für uns ist das die halbe Begründung der eigenen Arbeitsweise: Dass sich Software wie ein Gegenüber anfühlt, sagt nichts darüber, ob man ihr ein Urteil überlassen sollte. Das galt 1966. Das gilt mit Sprachmodellen erst recht.
