Drüben bei der Schwestermarke ist heute eine Analyse zur Zukunft der ERP-Systeme erschienen: Kommt Best of Breed zurück? Die Kurzfassung: Die ERP-Welt pendelt seit dreißig Jahren zwischen großer Suite und spezialisierten Einzellösungen, und mit KI-Agenten als Integrationsschicht bekommt die Debatte eine neue Achse. Nicht mehr Suite oder Best of Breed ist die Frage, sondern wer künftig die Integrationsschicht stellt.
Beim Recherchieren blieb eine Frage übrig, die dort nur einen Absatz bekommt und hierher gehört: Wie baut man das eigentlich? Was muss eine Schnittstelle können, damit ein Agent sie bedienen darf, ohne dass man sich vor der nächsten Betriebsprüfung fürchtet?
Ein Steckerformat, kein Wundermittel
Das Protokoll der Stunde heißt MCP, Model Context Protocol. Aus Entwicklersicht ist es unspektakulär: Ein Server deklariert Werkzeuge mit Name, Beschreibung und Parameterschema, ein Modell darf diese Werkzeuge entdecken und aufrufen. Das ist alles. Kein Framework, keine Laufzeit, keine Magie. NetSuite unterstützt das Protokoll inzwischen offiziell, für Odoo und ERPNext gibt es Server aus der Community.
Der eigentliche Effekt liegt in der Ökonomie. Früher brauchte jedes Paar aus KI-Anwendung und Zielsystem einen eigenen Konnektor. Jetzt braucht jedes System einen Werkzeugsatz, einmal. Das ist dieselbe Verschiebung, die USB für Peripherie war, und sie erklärt, warum die alte Best-of-Breed-Rechnung neu aufgeht: Die Integration, an der der Ansatz einst gescheitert ist, wird billiger.
Billiger heißt nicht harmlos. Ein Sprachmodell ist ein nichtdeterministischer Aufrufer mit Zugangsdaten. Wie man dafür baut, ist die eigentliche Aufgabe.
Fünf Bauregeln
Werkzeuge statt Datenzugriff. Der Agent bekommt „Kunde suchen”, „offene Posten lesen”, „Auftragsentwurf anlegen”. Er bekommt kein freies SQL und keinen generischen CRUD-Endpunkt auf alle Tabellen. Jedes Werkzeug ist eine bewusste Entscheidung darüber, was schiefgehen darf. Ein Werkzeugsatz mit acht Einträgen ist kein armseliger, sondern ein durchdachter.
Der Agent ist ein Benutzer. Eigene Identität, eigene Rolle, minimale Rechte, jeder Aufruf im Protokoll. Die GoBD kennen kein „der Agent war’s”: Wer den Agenten unter dem Konto eines Menschen laufen lässt, hat die Nachvollziehbarkeit zerstört, bevor der erste Fehler passiert. Das Rechtesystem des Zielsystems muss für den API-Weg genauso gelten wie für die Maske. Bei Odoo und ERPNext tut es das, und genau deshalb taugen beide als Anschauungsmaterial.
Schreiben endet im Entwurf. Lesen ist im Grunde gelöst; der schlimmste Fall ist eine falsche Antwort, die man am Beleg nachprüft. Schreibende Werkzeuge legen Entwürfe an, keine Buchungen. Der Statusübergang von Entwurf zu gebucht bleibt bei einem Menschen. Das ist keine Übergangsvorsicht, bis die Modelle besser werden, sondern ein Architekturentscheidung: Ein Buchungssatz ist kein Vorschlag.
Deterministisches bleibt Pipeline. Der nächtliche Artikelabgleich zwischen Shop und Warenwirtschaft gehört in eine Integration, die jedes Mal exakt dasselbe tut, nicht in ein Sprachmodell. Agenten übernehmen die Ausnahme, die Rückfrage, die Auskunft quer über Systeme. Wer eine laufende Middleware durch einen Agenten ersetzt, tauscht Verlässlichkeit gegen Gesprächigkeit.
Ganze Vorgänge statt Einzelschritte. Ein Auftrag hat einen Kopf und Positionen. Wenn der Agent nach Position drei von sieben abbricht, steht ein halber Auftrag im System, und niemand sieht es, weil keine Maske schief aussieht. Das Werkzeug heißt deshalb „Auftragsentwurf anlegen” und nimmt den ganzen Vorgang entgegen, validiert ihn, und schreibt ihn atomar oder gar nicht. Dazu gehören Fehler, die eine Maschine versteht: strukturiert, benannt, mit dem Hinweis, was fehlt. Ein Modell, das auf eine nichtssagende Fehlermeldung trifft, rät. Ein Modell, das rät, erfindet Artikelnummern im richtigen Format.
Der Nebeneffekt
Beim Durchgehen der Liste fällt etwas auf: Nichts davon ist KI-Sonderaufwand. Schmale, benannte Operationen, echtes Rechtemodell, Entwurfsstatus, atomare Vorgänge, strukturierte Fehler. Das ist die Beschreibung einer guten Schnittstelle, auch wenn nie ein Agent kommt. Dieselben Eigenschaften schützen gegen das übermütige Import-Skript und gegen den Integrationspartner, der die Doku nicht gelesen hat.
Der Bitkom-Leitfaden zu Multi-Agenten-Systemen nennt als tragfähigste Hersteller-Architektur einen offenen Kern mit semantischer Schnittstellenschicht, auf der eigene und fremde Agenten laufen. Für Individualsoftware gilt dasselbe eine Nummer kleiner: Jede sauber entworfene API, die heute entsteht, ist ein künftiger Agenten-Anschluss, egal welches der beiden Lager aus der Analyse gewinnt.
Und Entwurf statt Buchung ist am Ende nur die API-Form eines Satzes, der unsere Arbeitsweise trägt: Maschinen arbeiten ab, Menschen entscheiden und verantworten. Man kann ihn in Prosa in den Footer schreiben. Man kann ihn auch in ein Statusfeld gießen.